Flavia Carvalho, Tattoos um das Selbstbild zu verändern.

Meine kleine Narbe, unterhalb meines Kinns, in Form einer 4 erinnert mich immer daran, wie ich als Kind mal wieder nicht auf meine Mutter hörte, herumturnte und unglücklich auf die Fensterbank fiel. Ich darf bei meiner Narbe schmunzeln, sie ermahnt mich vorsichtig zu sein, wenn ich mal wieder einen Energieschub habe und der Gedanke dass ich mir meine Narbe, die eben wie eine 4 aussieht, im Alter von 4 Jahren zugezogen habe ist schon ulkig für mich …

… Dieses Glück hat, leider, nicht jeder, normalerweise erinnern Narben an tragische Unfälle, nicht selten in Verbindung mit Gewalt.

Solche Narben quälen den Menschen, so wie ich immer an die Fensterbank denken werde, wenn ich meine Narbe sehe. Wird ein Gewaltopfer, beim Duschen oder beim Besuch im Schwimmbad immer wieder an die Tat erinnert. Fremde Menschen neigen dann auch leider dazu, diejenigen anzustarren die mit großflächigen Narben in der Öffentlichkeit zu sehen sind.

Isolation ist nicht selten eine Folge davon, ist ja klar, welcher Mensch, dessen Selbstbewusstsein ohnehin schon leidet, setzt sich gerne „kritischen“ Blicken aus, oder gar fragen zu der Verletzung?

Tattoo-Artist Flavia Carvalho, erinnert sich noch gut an das erste Narben „Cover-Up“ Tattoo das sie stach. Eine Frau hatte sie aufgesucht, eine Narbe prangte auf ihrem Bauch. Die Geschichte dahinter: Im Nachtclub hatte die Frau einen Mann abgewiesen, Minuten später, rammte ihr dieser ein Butterfly-Messer in den Bauch; ging Flavia nicht mehr aus dem Kopf.

Sie beschloss einen einzigartigen Service anzubieten, dass einzige was Frauen die Opfer von Gewalt oder Brustkrebs (Brustamputation) wurden, aufbringen müssen ist sich das Motiv ihres Tattoos auszusuchen. Kostenfrei verschönert Flavia ihre Haut.

Jeder Tattoo-Artist wird gerne bestätigen, dass das Überstechen von Narben (vor allem großflächigen), eine wahre Herausforderung ist. Vor allem bei großen genähten Wunden, da hier aus den „Wulsten“ der Naht oft Fabre wieder rausgewaschen werden muss, damit Linien gerade werden und Schattierungen passen.

Doch nicht nur dieser Herausforderung stellt sich Flavia, muss sie die Emotionen und die Geschichten ihrer Kundinnen ebenfalls für sich selbst verarbeiten. Wie die einer 17-jährigen, die von ihrem Ex-Freund mehrmals mit dem Messer traktiert und im Anschluss derart brutal sexuell Missbraucht wurde, das sie mehrere Monate im Krankenhaus verbringen musste. Während ihr Peiniger auf freiem Fuß ist, da er bis dato noch nicht auffällig war und das Verbrechen an seiner Ex-Freundin das erste war.

Zudem müssen sich die Frauen und Flavia, teilweise niederträchtigen und abwertenden Kommentaren von Menschen ohne Hirn stellen. Wenn Flavia z.B. ein Bild ihrer Arbeit postet … (dazu sage ich jetzt mal lieber nichts, sonst werde ich nie fertig – nur so viel, der Gang zu einem überaus guten Psychologen wäre ratsam, für Menschen, die sich am Leid anderer ergötzen und diese auch noch niedermachen müssen …)

In jedem Fall, finde ich Flavias Engagement mehr als Erwähnens- und Lobenswert. Die Narbe unter dem Tattoo wird nie verschwinden, auch die Erinnerung an die Tat wird bleiben, aber die Freude ein schönes Kunstwerk auf seiner Haut zu sehen, kann definitiv mehr Selbstzufriedenheit und vor allem Verarbeitung der Tat mit sich bringen.

Das einzige was es für mich zu „bemängeln“ gäbe, ob sie diesen Service auch für Männer, welche Opfer von Gewalttaten wurden anbietet, bleibt offen. In jedem Fall nehme ich nun aber an, dass sie einen Mann der ebenfalls Narben von einem Verbrechen davongetragen hat, nicht abweisen würde.

Meinen Respekt hat Flavia in jedem Fall…

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