Der Klang der Stille

Während man den Weg des Lebens entlang schreitet trifft man viele Menschen, sammelt Erfahrungen, lernt aus Begegnungen und Begebenheiten. Daraus wiederum entwickelt sich ein Verhalten oder auch Strategie, ein Denken das eigene Handlung und Wirkung beeinflusst … „Du bist sehr still“, sagte Sandra, meine Kollegin, welche nicht so heißt, zu mir …

„Ich bin doch immer still.“, antwortete ich, grundsätzlich wahrheitsgemäß, hatte mir mein bisheriger Weg doch gezeigt, dass es besser war im Büro seine Klappe zu halten und so wenig wie möglich mit anderen zu Interagieren, was einem zugegebenermaßen als Sonderling erscheinen lässt, aber vor anderem, schlimmeren, bewahren kann

„Am Anfang, aber dann hast du öfter etwas erzählt, wenn wir ins Reden gekommen sind“, entgegnete sie.

Was sollte ich jetzt sagen …? Etliche Erinnerungen füllten meinen Kopf …

Angefangen mit meinem Augenarzt, der wohl unfähig war, da die Farbumwandlung meines „verrückten“ Auges, welches Sandra mittlerweile auch mit bloßen Auge erkennen kann, nicht gestoppt werden kann. „Gibt’s ja nicht.“, sagte Sandra vor einiger Zeit dazu, mit dieser Miene welche ich mittlerweile überhaupt nicht leiden kann … Um gleich darauf mit einem weiteren Satz zu untermauern, weshalb ich diese Miene nicht mag
„Glaub ich nicht, dass man da nichts machen kann …“. Ich schwieg daraufhin, meinem Arzt vertraue ich jedenfalls und das man etwas gegen defekte Gene unternehmen kann, wäre mir neu, dann gäbe es viele Erbkrankheiten nicht mehr. Abgesehen davon gibt es viele Krankheiten, welche nicht auf Gendefekten beruhen, gegen welche man ebenfalls nichts unternehmen kann … Herpes Simplex, zum Beispiel …

„Kann ich mir nicht vorstellen, ich musste heute Morgen nicht einmal Eiskratzen“, kam mir als nächstes in den Sinn, diesen Spruch hatte Sandra losgelassen, als ich ihr erzählte das es mir beim morgendlichen Spaziergang, mit den Hunden, die Füße weggezogen hatte und auch die Hunde ausgerutscht und hingefallen waren … Wegen nächtlichen Regen, welcher am Morgen bei 0 Grad gefroren war. Tatsächlich überprüfte sie dann auf einer Wetterseite meine Aussage, dass es für den Landesbezirk in welchen ich wohnhaft bin gar eine Eiswarnung ausgesprochen war. „Ah ja, wirklich, arg“, kommentierte sie. Obwohl selbst der Parkplatz unseres Firmenstandortes stellenweise vereist war …
Ja, es ist total unwahrscheinlich das mein Wohnort welcher nochmal gute vierzig Kilometer weiter Nordöstlich des Firmenstandortes liegt, stärker vereist ist … Ebenso ist es laut Sandra, welche weiter Südlich des Firmenstandortes in einer Großstadt wohnt, unwahrscheinlich das es bei mir zu Hause im Winter sowie im Sommer zwei bis vier Grad kühler ist …
… Ich behielt für mich, dass es bei mir oft wunderschön ist und sobald ich auf der Autobahn die südwestliche Abfahrt nehme auf einmal im Regen fahre, oder bei Schönwetter von der Firma wegfahre und bei mir daheim im Wetterchaos ankomme …

„Das du dir das mit zwei so unerzogenen Hunden antust“, kam als ich von der Maulkorb-Verordnung der Tierärztin erzählt hatte, was mich fast am meisten gestört hatte. Abstempeln höchster Güte, weil mein Hund einem natürlichen Instinkt gefolgt ist, nämlich dem seine Wunde zu säubern und sich dabei die Naht raus-schleckte, sind meine Hunde unerzogen? Es war zu dem Zeitpunkt ja nicht einmal jemand zu Hause der er es ihr verboten hätte … Und was soll ich auch sonst über meine Hunde erzählen? Ist „… sie liegen den ganzen Tag brav am Platz …“ erzählenswert? Wären meine Hunde dann erzogen, dann würde ich sie gar nicht wollen, offen gesagt?

Letztens fühlte ich mich im Büro plötzlich sehr seltsam, wie angetrunken, meine Konzentration fiel stark ab, ich merkte das ich gesagtes oder geschriebenes nicht mehr richtig verarbeitete, mir wurde ziemlich warm und als ich Aufstand merkte ich, dass es mich drehte … In der Früh hatte ich starke Schmerztabletten, von welchen weder mein „Galan“ noch ich wissen weshalb sie überhaupt in unserem Haushalt sind, mit den normalen leichten Schmerztabletten verwechselt und auf nüchternen Magen eingenommen.
Besorgt rief ich meinen „Galan“ an, da es ja seine Arbeit ist, sich unter anderem, mit solchen Dingen auszukennen. Eine Sanitäterin war bei ihm vor Ort und klärte mich über die seltenen Nebenwirkungen des Schmerzmittels auf. Nun sollte ich wohl kurz erwähnen, dass ich nie starke Tabletten nehme, wirklich nie, der Arzt kann mir verschreiben was er will, ich hole es nicht ab … „Also ich kenne das in Tropfenform, ich nehm die oft und hab noch nie was gehabt …“, Sandras, nervige, Reaktion …

Nervig auch deshalb, weil sie mich am nächsten Tag, wirklich blöd, grinsend fragt ob ich heute wieder so lustig wäre und Tabletten genommen hätte und zeigte wieder diese, dämliche, Miene… Ich nahm das starke Schmerzmittel nicht mit Absicht, dass hatte ich Sandra gegenüber auch erwähnt, ein Streifen dieser starken Tabletten lag genau auf der Packung meines normalen Schmerzmittels, welches sogar für Kleinkinder geeignet ist, erst beim Schlucken hatte ich bemerkt, dass sich etwas ungewohnt angefühlt hatte … Die Nebenwirkungen der Tabletten fand ich auch nicht sonderlich lustig, ganz im Gegenteil, hätte die Sanitäterin nicht gesagt das es nun keinen Sinn mehr haben würde, hätte ich mir umgehend den Finger in den Hals gesteckt, als die Nebenwirkungen losgingen …

Ebenso bildeten meine Eltern, Ärzte und ich mir nur ein, dass ich bis zur Pubertät unter Neurodermitis gelitten habe. Sandra weiß es besser …

Dies sind jetzt nur einige wenige Auszüge aus den Begebenheiten und Reaktionen auf meine Erzählungen oder mich als Person aus den letzten paar Monaten. Mittlerweile habe ich Sandras Mimik oft genug gesehen, wenn andere Kollegen ihr etwas erzählen das nicht jedem, jeden Tag passiert. So letztens die Kollegin, welche erst nach dem Volltanken draufkam, dass sie keine Geldbörse dabei hatte und dies auch noch gute 300 Kilometer vom Wohnort entfernt, da sie unterwegs zu einer Firmenveranstaltung war … Diesen bestimmten Ausdruck, welcher meiner Meinung nach einfach nur „ablehnende“ Ungläubigkeit zeigt, mit anschließenden spitzen Bemerkungen gibt es nur mir gegenüber … und selbst wenn es nur Einbildung wäre, ich habe einfach keine Lust mehr, jede meiner Erzählungen in irgendeiner Form beweisen zu müssen oder von Anfang an einer ungläubigen Haltung gegenüberzustehen, zu hören das meine Ärzte und meine Hunde Idioten sind oder ich mir heftige Nebenwirkungen auf ein starkes Medikament nur einbilde … … Also bin ich still … Ein Problem bleibt nur, was soll ich jetzt sagen …?

„Ich bin nur genervt …“, antworte ich und starre in den Computerbildschirm … Stille liegt mir ohnehin mehr … Nur Sandra, die scheint die Stille zu drücken … Allerdings muss ich böse sagen, ich spreche nun lieber ohne zu Sprechen … in meinen Gedanken. Weil ich nicht mit Menschen sprechen möchte, welche hören ohne zuzuhören … Habe Gedanken welche ich, hier, nicht teilen werde und am Ende wagt es keiner die Stille zu stören …

3 Kommentare

  1. Oh ja, das kenne ich auch. Bei manchen Gesprächspartnern kannst Du, obgleich sie es waren, die die Unterhaltung begannen, das Desinteresse mit Händen greifen. Bei den Simpsons gab es mal diese Szene, wo in Homers Oberstübchen kleine Vögel im Kreis herum flogen. Diese Vögelchen stelle ich mir dann immer beim jeweiligen Gesprächspartner vor Mir hilft es. 🙂

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  2. Danke für diese eindrückliche Beschreibung eines Tabuthemas. Deine rechthaberische Kollegin muss eine äußerst unzufriedene und einsame Person sein. Wie sie sich verhält, das geht gar nicht. Dass sie dir deine Erlebnisse und Wahrnehmung abspricht geht gar nicht. Sowas ist übrigens ganz typische für Personen, die „emotionalen Missbrauch“ und Manipulation betreiben (wird auch unter dem Begriff „Gaslighting“ diskutiert). Da gibt es sicher Abstufungen. Jedenfalls finde ich es sehr gesund, wenn dass du ein Distanzbedürfnis zu dieser Kollegin hast. Ich habe leider auch mit 1-3 Kolleginnen mal unangenehme Erfahrungen gemacht, dass jeder Schritt jnd Tritt von mir kommentiert und bewertet wurde. Das macht keine gute Stimmung. Jedenfalls kann ich nur empfehlen sich deutlich fern von diese Art von Leuten zu halten. Letztendlich bist du nicht gezwungen dich mit allen super zu verstehen und einen auf „Freundschaft“ zu machen. Manche nutzen die soziale Zwangssituation der Arbeit aus un ihre eigene Frustriertheit weiterzugeben. Liebe Grüße & frohes Ignorieren dieser Person, EJ

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