Sterblichkeit und Social Media

Ich habe einen schlechten Bezug zum Tod, sofern man dies überhaupt so sagen kann. Tabuthema ist er für mich jedenfalls nicht, allerdings bereitet mir die Verarbeitung des Ablebens geliebter Menschen große Schwierigkeiten.

So hadere ich bis heute, mit dem Ableben eines guten Freundes vor zwölf Jahren, da gab es noch kein Facebook und Co. Beinahe altmodisch gedenke ich ihm, besuche mindestens zweimal im Jahr sein Grab, höre Musik, welche mich an ihn erinnert und muss mich mit den wenigen Schnappschüssen begnügen, welche während unserer gemeinsamen Zeit entstanden sind … So bleibt mir letztlich nur das Bild im Kopf, als ich ihn zuletzt sah, auf seinem Fahrrad, ihm versprechend, dass wir uns bald auf ein Getränk und einen Plausch treffen würden … Wozu es nicht mehr kam …

Mein „Galan“ hat mit dem Ableben eine Erfahrung, welche ich (noch) nicht teilen, oder in ihrem vollen Umfang nachvollziehen kann, in seiner Freundesliste befinden sich Menschen, welche nicht mehr unter uns weilen. Die Accounts existieren nach wie vor, wobei es beim ersten Todesfall in seinem Bekanntenkreis noch keine Nachlassenschafts-Regelung seitens Facebook gab … Jedes Jahr zu den Geburtstagen oder Todestagen posten viele Freunde der Verstorbenen ein „R.I.P.“, manchmal sehe ich wie mein „Galan“ dann durch deren Profile scrollt.

Während ich daneben sitze, ereilt mich ein mulmiges Gefühl, sehe ich nun Bilder einer lachenden, feiernden oder einfach ausruhenden Person, bei sich zu Hause, in Lokalen oder im Urlaub. Surreal für mich, dass Wissen das diese Person nicht mehr hier ist. Versuche mir vorzustellen wie es für mich wäre, schiebe den Gedanken aber wieder beiseite … Dennoch blitzt kurz auf: Es ist etwas anderes … Anders als sich heimische Schnappschüsse anzusehen, anders als sich an die letzte Begegnung zu erinnern, oder geht es mir nur so, weil ich noch nicht in dieser Situation bin?

Ein erneuter Gedanke drängt sich auf, was wäre, würde Facebook mich „auffordern“ einer verstorbenen Person, deren Account noch online ist, zum Geburtstag zu gratulieren, würde ich dann auch ein „R.I.P.“ hinterlassen? Oder würde ich, den Tränen nahe, „einfach“ geistig abwesend, auf den Namen klicken und mir die Timeline ansehen? Ich kann es nicht sagen. Es bleibt nur die Gewissheit, dass es eines Tages passieren wird.

Nun werde ich egoistisch, frage was wohl passiert wenn mich Morgen der vielbesagte Ziegelstein trifft. Irgendwie werde ich noch da sein, vielleicht sucht jemand, Jahre nach meinem Ableben, nach etwas und landet bei einem Beitrag meines Blogs. Würde die Person merken, dass der Schreiber nicht mehr unter den Lebenden weilt?

Kritisch scrolle ich nun selbst durch meine Timeline bei Facebook, manchmal meine ich ja mich etwas zu verstecken, nicht zu viel preiszugeben und frage mich ob ich wollen würde, dass all diese Bilder und Kommentare wirklich „für immer“ im Netz herumgeistern. Sollen meine Kinder oder Enkel oder Verwandte, welche meinen Account eventuell Erben, denn dies ist mittlerweile möglich, tatsächlich sehen, was ich alles angestellt habe? Andererseits finde ich, von meinem heutigen Gesichtspunkt, nichts anstößiges, jedoch entfernte ich schon so manches Bild oder Kommentar nach ein bis zwei Jahren, weil ich dieses im „jugendlichen Leichtsinn“ von mir gab …

Etwas anderes blitzt in meinem Kopf auf, seit Jahren glaubt man in vielen Kulturen, Unsterblichkeit zu erlangen, solange man der Nachwelt im Bewusstsein bliebe, durch Legenden, große oder ehrenvolle Taten oder als Herrscher … Dem „gewöhnlichen“ Menschen, blieb die Familie, meine Ur-Oma, welche ich selbst nicht mehr bewusst kenne, bleibt am Leben, da es noch heute witzige oder nachdenkliche Anekdoten über sie gibt, erzählt von meinen Eltern, denen sie Oma war, aber in der nächsten Generation wird sie schon keine so große Rolle mehr bei Familientreffen spielen …

Begebe ich mich nun auf dünnes Eis wenn ich frage … Ist Social Media unsere Unsterblichkeit …?

5 Kommentare

  1. Solange es Menschen gibt, die an dich denken, ist noch etwas von dir da.
    Ich habe selbst einen Menschen in meiner Facebook-Freundesliste, der nicht mehr lebt. Jedes Jahr zu seinem Geburtstag und zu seinem Todestag erinnern mich die Posts anderer Menschen an ihn. Er war ein Arbeitskollege, ein netter Kerl, aber wir standen uns nicht besonders nahe. Ich weiß nicht, ob ich sonst noch an ihn denken würde. In diesem Sinne bleibt so natürlich etwas länger etwas mehr von ihm hier.

    Natürlich ist das eine merkwürdige Art der „Unsterblichkeit“, wobei ja noch keiner so genau sagen kann, wie lange das so gehen wird… werden seine Facebook-Freunde das ihr Leben lang tun? Und was ist danach?

    Auch wenn es sich manchmal wirklich merkwürdig anfühlt, ich finde es eigentlich gar nicht so schlecht, hin und wieder an einen Menschen erinnert zu werden, der nicht mehr da ist. Aber ich weiß nicht, wie es wäre, wenn es um jemanden ginge, der mir näher stand. Das täte wahrscheinlich lange Zeit jedes Mal sehr weh.

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  2. Hallo!
    Social Media und Unsterblichkeit. Ja, das ist eine gute Frage. Ich finde sie nicht mal so unberechtigt, denn es ist ja wirklich so, dass etwas von einem digital überdauert. Und ich finde und fände es nicht einmal schlecht, wenn meine Nachfahren das so noch lesen können, was ich so von mir gegeben habe, selbst wenn im Grunde genommen das meiste völlig belanglos ist.

    Aber auch das zeigt ja, wie ein Mensch war. Bei den alltägliche Dingen, bei Sachen von wenig Wichtigkeit, wo der Mensch aber lebendiger war, als z.B. bei einem Fachartikel.

    Ob Facebook nun zu meinem geistigen Mausoleum werden sollte? Muss nicht sein. Aber ich werde auf jeden Fall meine Accounts und Kennwörter später in mein Testament aufnehmen, damit man im Falle des Falls so etwas wie eine Abschiedsbotschaft von ‚mir‘ posten und den Account dann für alle sichtbar als „nicht mehr unter uns weilend“ einstellen kann.

    Das finde ich eigentlich ganz nett. Zumindest für die Menschen, die mit mir zu tun haben. Wenn es aktuell ist. In 100 Jahren wird wahrscheinlich auch Facebook die Accounts dann gelöscht haben. Falls es Facebook dann noch geben sollte. 😉

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  3. Internet und Unsterblichkeit…ich kann dir Buchreihe „Otherland“ nur empfehlen. Ich habe es überhaupt nicht mit Phantasy, aber in der Trilogie geht es genau um diese Thematik. Und in Ansätzen ist dieser Trend auch schon in der Gegenwart zu erkennen.

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