Zeit, Melancholie und der tote Fuchs

Ich habe einen Hang zur Melancholie, wobei ich mich bei dieser Kategorisierung an die veraltete Temperamentlehre halte und somit einen Hang zur Nachdenklichkeit, Misstrauen und manchmal Traurigkeit meine. Schon öfter beschäftigte mich die Zeit, mein Verspäten, gestern am Weg zu meinen Eltern nahm mein Gedankenspiel eine Wendung, ausgelöst durch einen toten Fuchs am Straßenrand…

Vorgestern hatte, für meine Umstände, wobei ich keine Schwangerschaft meine, viel zu spät und feucht fröhlich geendet. Da sich mein direkter Kontakt mit Alkohol, trotz aller Festivitäten in einem Jahr, meist an einer maximal an beiden Händen abzählen lässt und der Umstand eines Rausches sich immer an einer Hand abzählen lässt … Vorgestern trat eben beides ein, Kontakt mit Alkohol und ein beginnender Rausch, was hierzulande als Damenspitz bezeichnet wird.

Der Genuss von Alkohol und ein davon ausgelöster Rausch führt bei mir meist zu einem von zwei Zuständen, abgesehen davon das ich so oder so entspannter werde, entweder ich „liebe“ alle und werde Redselig oder ich Misstraue noch mehr und werde noch ruhiger als normal.
Eine Begleiterscheinung eines Rausches ist das in mich gekehrte Reflektieren am nächsten Tag, wobei sich gestern einiges Überschlug.

Verzettelt, mal wieder, jedenfalls musste mein „Galan“ die Autofahrt übernehmen, da ich mich unabhängig vom Rauschzustand vehement weigere ein Fahrzeug am Abend des Alkoholkonsums oder dem nächsten zu lenken, Fahrräder ausgeschlossen, am Tag nach dem Alkoholkonsum …

Wir hatten beide schlecht geschlafen und ein wenig Kopfschmerzen, was ich auf die Hitze und „stickige“ Luft im Lokal zurückführe, weshalb wir beide recht still waren. Selbst der gestrige Beitrag, wollte einfach nicht witzig werden, obwohl ich mir Mühe gab, aber die Melancholie hatte mich bereits fest im Griff.

Verspätungen prägen mein Leben, ich bin oft zu spät, manchmal sogar durch nicht eigenes Verschulden, Staus, Polizeikontrollen, eine unerwartet lange Schlange beim Tanken und so weiter und so fort. Schon öfter hatte ich mich gefragt in welche Situationen ich wohl gekommen wäre, wäre ich pünktlich oder früher dran gewesen. Einige Begebenheiten kommen dann immer hoch.

Ich war zu spät dran und fuhr des Abends auf einer dunklen, relativ einsamen Landstraße, im Industrieviertel des schönen Niederösterreich, auch wenn ich zu spät bin drücke ich eher selten aufs Gas, neben meinem Autocomputer zeigen auch einige Versuche von Automagazinen, dass seltsamerweise fast kein wirklicher Unterschied darin besteht ob man sich an Geschwindigkeitsbeschränkungen hält oder bis zu 30 km/h darüber fährt. Fünf Minuten, die hab ich, auch wenn ich zu spät bin … Jedenfalls kamen mir plötzlich jede Menge Scheinwerfer entgegen, zwei knapp über den Boden, vier hoch in der Luft, ein LKW auf meiner Spur, rechts und links der Landstraße ein tiefer Graben, auf der Gegenspur noch der Anhänger des LKW, ausweichen nicht möglich … Also drückte ich Bremse und Hupe gleichzeitig und knallte noch vor Stillstand meines Fahrzeuges den Retourgang rein, ob ich tatsächlich zurückgefahren bin weiß ich nicht, nur das die Scheinwerfer schon bedrohlich nahe wirkten als der LKW endlich wieder zurück auf seine Spur „verriss“ … Wäre ich nicht zu spät dran gewesen, wäre ich diesem LKW wohl an einem anderen Punkt begegnet, wäre der LKW dann im Graben gelandet? Hätte der LKW Fahrer überlebt? Oder wären wir doch noch zusammengestoßen? Hätte ich ihn vielleicht genau an dem Punkt getroffen, wo er „offensichtlich“ eingeschlafen war und der LKW die Spur gewechselt hatte?

Einmal war ich gar zu früh dran, auf den Weg zu einer Schulung in Salzburg, eigentlich wollte ich Pause machen, aber da war ein strahlend weißer LKW mit blauer Aufschrift der mir nicht passte, aus irgendeinem Grund wollte ich nur von diesem LKW weg, würde ich Pause machen, an der 15 Kilometer entfernten Raststation, würde mich der LKW wieder überholen. Ich fuhr also durch und entschloss mich dazu mein verfrühtes Erscheinen mit einem Spaziergang in der Ortschaft zu kompensieren, wobei ich ein Schild mit der Aufschrift Milchautomat erspähte, dessen Pfeil exakt auf den Kuhstall deute, witzig für mich.

Mein Mobiltelefon hatte ich, wie so oft, im Auto gelassen, als ich nun wieder am Parkplatz des Hotels war und meine Sachen ausräumte, prangten mich 26 Anrufe in Abwesenheit an, alle von meiner Mutter, mir gefror das Blut in den Adern, irgendetwas musste in der Familie passiert sein, denn meine Mutter war es ja gewohnt, dass ich manchmal erst zwei oder drei Stunden später retourrufe weil ich unterwegs bin und mein Handy dabei selten beachte oder eben mithabe.

Ich rief also retour „Oh mein Gott, endlich, ist alles okay bei dir?“, meine Mutter klang sehr aufgeregt.
„Ja, mir geht’s gut, bin schon da, war noch spazieren“
Schließlich klärte mich meine Mutter darüber auf, dass sich auf meiner Strecke ein LKW nach einem Reifenplatzer quer gestellt und dabei zwei Autos mitgerissen hatte, in Folge dessen war es zu weiteren Unfällen mit einigen Verletzten und bedauerlicherweise auch Toten gekommen … Das öffnen von Online-Medien zeigte einen strahlend weißen LKW mit blauer Aufschrift, quer über die Autobahn stehend, an einem Helikopterbild gut zu erkennen, die Ausfahrt, welche ich eine gute viertel Stunde vor dem Unfall genommen hatte … Wäre ich zu spät gewesen oder hätte tatsächlich noch eine kurze Rast eingeschoben … ?

Gedanken laufen fiel schneller, als sie zu Papier gebracht werden und so passierten wir nach wenigen Minuten einen toten Fuchs, neben der linken Spur, schrecklich verdreht vor der, die Fahrtrichtungen, trennenden Betonsäule … Natürlich wurde ich etwas traurig, Füchse sieht man noch seltener als Dachse, obwohl sich im Unterholz nahe meiner Laufstrecke ein Fuchsbau befindet, an welchem man schon einmal kurz darin verschwindende Jungtiere sehen konnte … Was wäre hätte der Fuchs versucht die Autobahn früher oder später zu überqueren?

Schnell schweiften meine Gedanken ab, als ich noch keinen Führerschein hatte und mein „Ehemaliger“ und ich am Abend von meinen Eltern heimfuhren, an der Autobahnauffahrt, streifte das Fahrzeug vor uns einen soeben die Straße überquerenden Fuchs … Ich „zwang“ meinen „Ehemaligen“ dazu anzuhalten, fing das verletzte Tier mit meinem Wintermantel ein und wir brachten es in die Tierambulanz, sein Glück, neben einem gebrochenen Hinterlauf, hatte auch ein Organ etwas abbekommen, ich weiß nicht mehr welches, innere Blutungen konnten aber gestillt werden und auch sein Bein wurde fachmännisch geschient, wäre es falsch zusammengewachsen hätte dies in freier Wildbahn, neben der Organverletzung den Tod für die noch zweijährige Füchsin bedeutet … Auch hier galt, wären wir nicht, wie immer, zu spät von meinen Eltern weggekommen, hätten wir diesen „Unfall“ gar nicht gesehen und hätten dem Tier auch nicht helfen können …

Im Endeffekt geht es also gar nicht um zu spät oder zu früh … sondern nur um die Zeit selbst … ?

Am Heimweg von meinen Eltern schweiften meine Gedanken wieder an den Ursprung, nämlich die wie uns Erlebnisse prägen … Menschen, welche mich lang kennen, würden niemals glauben wie unfassbar Still und in mich gekehrt ich sein kann … Menschen, welche mich hingegen nur kurz kennen oder nur hier und da sehen, würde nicht glauben wie viel ich reden kann und wie ausgelassen ich sein kann … das Rästel heißt wohl: Leben und der Zeitfaktor …?

Ein Kommentar

  1. Ja, solche Gedanken kenne ich auch. Ich hätte schon lange tot sein können, weil ich als fünfjähriger einmal die Autotür aufgemacht habe und ein Lkw diese dann such in der Sekunde abgefahren hat. Hätte ich die Tür nur fünf Sekunden früher aufgemacht, wäre ich erwischt worden.
    Ich denke so oder so ähnliche Dinge passieren jedem mal im Leben. Da darf man sich nicht verrückt mit machen. Das ist halt das Leben.
    Manche nennen es Schicksal. Vielleicht ist da was dran. Vielleicht auch nicht. Man kann nur eins tun; sein Leben einfach so leben, wie man es für richtig hält.

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