Rack oder Rove? The Sisters of Mercy im Gasometer (Wien)

Ich belobhudel mich, endlich, mal selber, mach ich viel zu selten. Freitag-Abend, genauer letzten Freitag-Abend, nachdem mein „Galan“ und ich dies und das beredet hatten, beginnt er im Internet zu surfen. „Wann fahren wir nach Graz“, fragt er mich. „Nächste Woche warum?“. Er zeigt auf seinen Bildschirm „Gehen wir da am Sonntag hin?“. The Sisters of Mercy prangt mir vom Bildschirm entgegen, irgendwas klingelt in meinem Kopf, nur was? Nett und liebevoll wie ich nun mal bin sage ich ja …

… obwohl das Konzert im Gasometer stattfinden soll. Ein geschlossener Raum, mit zig fremden Menschen. Vor vielen Jahren waren die Gebäude dort tatsächlich Gasbehälter, genauer 1896, sogenannte Niederdruckspeicher. Heute bieten sie Wohnraum, Lokale, Einkaufszentrum und eben die Veranstaltungshalle, im 11. Wiener Gemeindebezirk, Simmering. In derselben Halle findet auch alljährlich die Tattoo-Messe statt, falls es jemanden interessiert.

Kurz nach sieben Uhr am Abend brechen wir in unsere schöne Bundeshauptstadt auf. Ich starte erst jetzt den Datenverkehr auf meinem Mobiltelefon und google nach The Sisters of Mercy, schnell finde ich eine eher negative Kritik von ihrem letzten Konzert aus Berlin, die Wörter Rave und Rave-Opa springen mir aus besagten Artikel entgegen, ich beginne an meinem „Galan“ zu zweifeln. Rave geht für mich gar nicht, ich merke wie meine Ohren bereits jetzt im Auto zu bluten beginnen und meine Fußnägel sich nach oben rollen, obwohl ich Gitarrensoli mag, hab ich es einfach nicht mit Hochtönen, meist dummen Texten und Herzschrittmacher-Bass.

Schnell denke ich an Avenged Sevenfold, als in meinem Kopf „What the Fuck … unz … unz…unz … Bla bla mi loca …. unz … unz … What the Fuck“ losgeht, grausames „Lied“, ebenso grausam wie „I’m an albatroz …. Bam bam di dam …“.

Kotz!

Im Gasometer angekommen, erblicke ich, natürlich, viele Menschen, die meist vertretene Farbe ist Schwarz, ein sich selbst bestätigendes Klischee, welches meiner Meinung nach eher zu Rock als zu Rave passt, ein Hoffnungsschimmer? Immerhin habe ich keine Ahnung wie sich Menschen anziehen, welche eher dem Rave zugetan sind, aber ich hörte da mal was von Plateau-Schuhen und Neon.

Mein „Galan“ holt sich Band-T-Shirts, das macht er immer, freudestrahlend kommt er zu mir zurück und präsentiert seine Ausbeute. Während wir für unsere Getränke anstehen, erzählt mir mein „Galan“ das The Sisters of Mercy, eines seiner ersten Konzerte war, er hatte es mit Johnny, welcher offenbar wirklich so heißt, seinem Cousin besucht. Ich muss jedes Mal schmunzeln, ein Apfelbauer der Johnny heißt.

Nachdem wir unsere Getränke haben, begeben wir uns in die Konzerthallte, es ist eine Minute nach Acht und tatsächlich spielt die Vorband schon, LSD on CIA aus Kopenhagen, sie sind gar nicht übel, obwohl mir Trash Rock, dies ist zumindest das Genre in welches ich sie einordne, nicht so liegt. Ein Besuch ihrer Facebook-Page klärt mich darüber auf, dass sie Hedonist Thrash Rock spielen. Die Stimme des Sängers, Mikkel Konyher, erinnert mich teilweise ein wenig an Placebo, was zumindest für mich gut ist. Stimmung machen sie jedenfalls und vergessen nicht, auch das Publikum mit einzubeziehen. Der Bassspieler, Piotro Fronklo, spielt ohne Shirt und wirbelt seine Haare herum, bis auf wenige Ausnahmen gefällt mir ihre Musik und Show sehr gut.

Bedauerlicherweise ist bereits nach einer halben Stunde ihr Auftritt vorbei, genau in jenem Moment in welchem ich richtig neugierig werde und mit etwas Spannung den nächsten Titel erwartet hätte.

The Sisters of Mercy sollen erst gegen Neun starten, was bedeutet eine halbe Stunde Pause. Ich sehe mich im Raum um, welcher zu meinem Glück nicht zu voll scheint und erinnere mich an die Kritik aus Berlin … Nein, ich sehe weder vornehmlich Menschen in ihren Vierzigern noch Django-Hütte oder Iggy Pop Visagen. Tattoos sehe ich auch keine, was aber auch daran liegen kann, das sich die meisten Besucher für Westen oder Kapuzenjacken entschieden haben, in der Halle ist es allerdings warm, sehr warm. Nach der Kritik aus Berlin, bin ich beinahe überrascht so viele Besucher zu sehen, welche wohl noch in ihren Zwanzigern stecken. Direkt vor uns steht eine Mädels-Gruppe, welche für mich sogar noch als Teenager durchgehen würden und diese betreten den Raum erst nach der Vorband. Ein oder zwei Lederjacken sehe ich allerdings.

Eine Pause voller verzehrter Wahrnehmung, so meine ich vorerst Roland Dürringer, ein österreichischer Kabarettist und Schauspieler wäre durch die Menge gegangen und einige Minuten später, denke ich Sky du Mont zu sehen. Natürlich war es weder der eine noch der andere.

Zwei Minuten vor Neun, pflanzt sich eine Dreiergruppe von Männern in ihren Dreißigern etwas vor uns auf und mein Gefühl sagt mir, die Drei werden mir heute noch wahnsinnig auf die Nerven gehen, was sich leider bei der ersten Nummer von The Sisters of Mercy bestätigen soll. Nun erwähne ich kurz, dass ich soeben auf einer Art Kabelkanal stehe, damit ich Hobbit von meiner Position auch etwas erspähen kann, von The Sisters of Mercy, hinter mir die Bar.

Selbige betreten pünktlich um Neun Uhr die Bühne, Engländer eben. Sie beginnen zu spielen, ich versuche mich auf die Musik einzulassen, welche für mich nach den ersten Klängen natürlich nicht zuordenbar ist, da dreht sich einer der drei Typen, in Babyblauen T-Shirt, zu uns um und fragt mich „Is des a veroaschung? Des san sisters of mercy?“, ich gebe keine Antwort und schaue nur meinen „Galan“ an, welcher dem Nerv-Schlumpf eine Antwort gibt.

Langsam durchschaue ich die Musik von The Sisters of Mercy, ich ordne sie in irgendwas zwischen Rave und Rock ein, von daher auch Rack oder Rove. Nicht ganz mein Geschmack aber okay, die Melodie dringt überaus laut und deutlich an mein Ohr, nichts scheppert oder dröhnt, die Stimme des Sängers kann ich zwar auch hören aber kaum verstehen, nur manchmal dringt ein deutliches Wort an mein Ohr, ein Umstand den ich aber kenne, sind mir die Texte ja auch gänzlich unbekannt.

Fasziniert bin ich von den Neon-Handschuhen des Sängers, da ist er oder es: Neon. Sonst trägt er einen weißen Kapuzenpulli mit rotem Emblem und eine graue (baggy ?) Hose. Der Gitarrist zeigt sich in Schwarz. Beide ohne Haare am Kopf und mit Sonnenbrille.

Dann ist es mit Sehen für mich mal eine zeitlang vorbei, was allerdings nicht, wie man vermuten würde, am stetig und reichlich ins Publikum geblasenen Nebel liegt. Zwei Typen der Dreierkombo, müssen sich natürlich ausgerechnet auf den etwa halben Arm freien Platz zwischen mir und einem anderen Besucher stellen, den Platz welchen ich gelassen hatte um meinen Abstand zu haben … Hinter meinem „Galan“ stehen auch Besucher, dennoch versuchen wir, dummerweise, etwas Abstand zu den ignoranten Trotteln zu gewinnen.

Es fängt bestialisch an zu stinken, Zottelbert neben mir hat wohl mächtig einen fahren lassen, Nerv-Schlumpf gesellt sich dazu, muss seinen Arm megacool an der Bar abstützen und drückt mir jetzt einen Geruch aus seiner Achselhöhle entgegen, welcher davon zeugt das Nerv-Schlumpf keinerlei Ahnung hat was Körperpflege, Wasser, Seife oder Deodorant sind …

Der Raum hinter meinen „Galan“ wird frei, wir rutschen immer weiter weg, am Ende passen bereits vier Leute zwischen den Kabelkanal und meiner neuen Position, aber Stinktier-Zottelbert und Nerv-Schlumpf stehen trotzdem schon wieder neben und schräg vor mir. Nerv-Schlumpf hat mich mittlerweile dreimal getreten und gerempelt, natürlich ohne sich zu entschuldigen. Stinktier-Zottelbert mich beinahe mit seiner Zigarette, welche er natürlich Megacool trotz absoluten Rauchverbot tschickt, immerhin raucht der The Sister of Mercy – Sänger ja auch auf der Bühne, verbrannt.

Als mein „Galan“ und ich nicht mehr wirklich ausweichen können und Stinktier-Zottelbert erneut einen fahren lässt und Never-Schlumpf sich schon wieder an der Bar lehnend mit seiner Achsel direkt vor meiner Nase und seinem restlichen Körper einen Zentimeter vor meinen Füßen aufbaut, platzt mir die Hutschnur. Lautstark und Hörbar für jeden im näheren Umkreis spreche ich von ignoranten H*renböcken und stinkenden präpotenten Arschl*chern, welche nachdem sie die Musik nicht kennen wohl nur auf Konzerte gehen, weil sie in ihrem minderbemittelten Leben ständig Leute nerven müssen, da sie sonst nichts zu tun haben.

Zottelbert und Nerv-Schlumpf nun im Zentrum der näheren Aufmerksamkeit „verschwinden“ endlich ein wenig, ihr Glück demnächst hätte ich mich nämlich auf die Ellenbogen-Taktik verlegt, mein Aggressions-Level ist zugegebenermaßen sehr hoch. Ich erobere mir meinen Kabelkanal zurück und kann die letzte viertel Stunde des Konzerts endlich genießen, sogar ein wenig tanzen traue ich mich.

Gesehen hab ich außer den Hinterkopf von Nerv-Schlumpf leider kaum etwas und auch sonst war ich etwas damit abgelenkt mich nicht von Zigaretten verbrennen oder von Tritten und Schlägen treffen zu lassen. Ebenso musste ich mich ziemlich konzentrieren meinen Mageninhalt nicht auf Nerv-Schlumpf zu verteilen. Schade eigentlich, hätte ich sollen, zumal dazu nach dem zweiten Fuzrangriff nicht mehr viel fehlte, ob die Dummnasen dann wohl verstanden hätten, wie wiederlich sie und wie wichtig Körperpfelge sind?

Zumal die letzte viertel Stunde, in welcher ich etwas sehen konnte, trotz für mich seltsamer Musik gut war, auch die Gesten des Sängers, welche etwas langsames und fremdartiges hatten, gefielen mir. Mal was anderes, eigenes, ich habe solche Gesten zumindest noch nicht gesehen … Fast wie langsames „stroppen“ eine Tanzart, bei welcher man sich bewegt als würde man unter Stroposkop-Licht stehen, sehr anstrengend …

Bei der Zugabe hat die Menge gejubelt und soweit ich aus meinen von Fürzen, stinke-Achselhöhlen und Nebelschwaden gereizten Augen sehen konnte, tanzte die gesamte Halle. Das ist auch etwas was mich an der Berlin-Kritik stört, es geht nicht darum, dass The Sisters of Mercy alt geworden sind, keine neue Platten und somit laut der Berlin-Kritik keine Kunst mehr machen. Es geht darum, dass sie ihren Fans noch Freude machen und solange sie auftreten und nicht wie festgenagelt am Podium stehen, verleihen sie, für mich ihrer Kunst mit jedem neuen Auftritt einen anderen Charakter … Zudem kann es ihnen, The Sisters of Mercy, auch egal sein, die haben schon genug verdient …

Am Heimweg schmunzle ich etwas über den Umstand, dass Festivals wie ein Nova Rock zwar verschrien sind, aber dort, vermutlich auch aufgrund der freien Fläche, wären mir noch nie solche Ungustln begegnet. Wird man gerempelt oder umgestoßen ist es dort auch Gang und Gäbe das man sich entschuldigt, oft mit einem Getränk und seinem „Opfer“ wieder auf die Beine hilft … Nerv-Schlumpf und Stink-Zottelbert, wenn ihr hier mitlest, entweder Benimm-Schule oder das nächste Mal daheim bleiben, so beschränkt, asozial und peinlich wie ihr, war dort keiner …

Wenige Bilder des Abends hier

 

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