Blackfish, fange nie was du nicht kontrollieren kannst: die vergessenen Orcas – Part I

Die Dokumentation Blackfish bietet an sich einen relativ guten Einblick in das beschwerliche Leben des Orcas Tilikum, welcher als Jungtier in einer, durchaus, traumatischen Aktion vor der Küste Islands gefangen wurde und später seine Trainerin Dawn Brancheau tötete. Nun widme ich mich, auf Wunsch, den vergessenen Walen von Seaworld…

Vorab sollte ich wohl sagen, dass ich weder Meeresbiologe bin, noch jemals für Seaworld gearbeitet habe, geschweige denn es jemals tatsächlich besucht habe. Meine Informationen beziehe ich nun hauptsächlich aus dem Buch Death at Seaworld, welches 2012 von David Kirby, New York Times Journalist, veröffentlicht wurde. Zudem geht es mir nicht darum Seaworld weiter in Verruf zu bringen, dennoch finde ich dass diese Begebenheiten und weiteren Informationen, an welchen auch Tilikum teilhatte, mehr Licht hinter den tragischen Tod von Dawn Brancheau bringen können.

Es begann im Juni 1965, William Lechkobit, findet nahe der Küste Namu, einen männlichen Orca mit fast sieben Metern Länge in seinem Fischernetz, lebendig. Er fängt das Tier und verkauft es für 8000 Dollar an Edward Griffin, welcher das Seattle Marine Aquarium besitzt und betreibt. Schnell wurde Namu zu einer großen Attraktion und sicheren Einnahmequelle.

Am 31 Oktober 1965 wird die Mutter von Shamu harpuniert und getötet, Shamu weigert sich den Kadaver ihrer Mutter zu verlassen und wird somit ebenfalls an Edward Griffin überstellt, der ohnehin schon länger auf der Suche nach einem weiblichen Gefährten für Namu war, übersetzt bedeutet Shamu auch Namus Freund … Doch die beiden Orcas kommen nicht miteinander aus.

Shamu wird im Dezember 1965 an Seaworld San Diego verkauft, der einjährige Entertainment Park ist froh nun selbst einen Publikumsmagneten zu haben, zumal Shamu sich trainieren lässt und auch Trainer bei sich im Wasser dudelt. Schnell realisiert SeaWorld auf welcher Goldgrube sie sitzen und beginnen zu überlegen mehr Orcas für ihre Shows zu fangen …

Alles begann mit Shamu, auch die gefährlichen Attacken auf die Trainer …

Am 19 April 1971 soll eine Mitarbeiterin von SeaWorld, für einen Werbefilm, im Bikini auf Shamus Rücken reiten … Shamu schüttelt die Frau ab und verbeißt sich in ihrer Hüfte und ihrem Bein, die Trainerin überlebt, unfassbar allerdings das sie nicht darüber informiert wurde, dass Shamu an diesem Tag bereits launisches und aggressives Verhalten gezeigt haben soll. Schlimmer noch, angeblich war SeaWorld bekannt, dass Shamu aus unbekannten Grund, angeblich, gegenüber Menschen in normaler Badebekleidung bereits aggressiv geworden sein soll und nur Trainer in Neoprenanzügen dulde … Im Alter von neun Jahren stirbt Shamu noch im selben Jahr, aufgrund einer Blutvergiftung und Unterleibsinfektion.

Am 28 Oktober 1976 wird Gudrun gefangen, sie ist einer der ersten Orcas der in Island gefangen wird, sie kommt in das Delfinarium Harderwijk, in welchen sie mit Flaschennasendelfinen ein Aquarium teilt. Nachdem sie immer größer wurde und Seaworld ein Weibchen für ihr Zuchtprogramm brauchten, wurde Gudrun an Seaworld überstellt. Allerdings nur unter der Voraussetzung das, dass Delfinarium, jedes zweite Kalb von Gudrun erhalten würde …

Eine harte Zeit begann für Gudrun, das dominante Weibchen Katina zeigte der Neuen sofort wer hier das Sagen hatte, mit Bissen und Schubsen, wenn man es schubsen nennen kann. Doch damit nicht genug, die Zucht sollte sofort gestartet werden, binnen weniger Tage wurde sie mit dem Männchen Kanduke in einen Pool gesperrt … Trainer Jeff Ventre beschreibt den Vorgang als aggressiven Missbrauch, Kanduke hätte Gudrun quer durch das Becken gejagt und diese offenbar mehrfach ohne ihre Einwilligung „erwischt“ … Im Juli 1989 entsteht aus dieser Verbindung Taima.

1990 verstirbt Kanduke und 1992 kommt Tilikum nun hinzu, auch er wird von der dominanten Katina „zurechtgewiesen“, mit Gudrun und deren Tochter Taima versteht er sich gut. Als Gudrun zur Paarung bereit ist und mit Tilikum in einem Pool separiert wird, läuft die gesamte Paarung ruhig und friedlich ab, langsam folgt Tilikum Gudrun durch das Becken, sie reiben sanft ihre Köpfe aneinander und erst als sich Gudrun an seinen Bauch schmiegt komm es „dazu“.

Ein interessanter Aspekt, zumal seit 2007 drei verschiedene Ökotypen unter den Schwertwallen dieser Meere ausgemacht wurden, welche sich im Körperbau, Färbung, Sozialverhalten, Lautäußerung und bevorzugter Beutetiere unterscheiden. Ferner wurde festgestellt, dass Angehörige eines Ökotypen kaum in Kontakt mit anderen Ökotypen treten und sich offenbar die Ökotypen untereinander nicht kreuzen … So gehören Tilikum und Gudrun zu den Isländischen Coastal Fish Eaters, Schwertwale von der Küste Washingtons, wo früher für Themenparks gejagt wurde zu den Oceanic and Nerectic Killer Whales

1993 gebärt Gudrun Nyar, die Tochter von ihr und Tilikum hat Probleme selbstständig zu schwimmen und zu lernen, Gudrun soll versucht haben sie zu ertränken, weshalb Nyar in einen Pool mit Tilikum kam, der immer sehr behutsam mit ihr umgegangen sein soll … Drei Jahre später verstirbt Nyar, aufgrund ihrer Probleme.

Kurz nach der Geburt von Nyar, wird Gudrun erneut befruchtet, ihr Körper bekam somit keine Pause nach ihrer Niederkunft. Diese Schwangerschaft soll Gudruns Tod bedeuten … Das Kalb starb vermutlich während der Geburt und steckte nun in der Mutter fest, um die Mutter zu retten entscheidet der überforderte Tierarzt das tote Kalb aus der Mutter zu ziehen.

Gudrun wird im Medizinpool, dessen Boden sich heben und senken kann, auf die „Transportplane“ dirigiert, mit etwas Schaumstoff dazwischen, schließlich wird Gudrun angehoben, womit ihr gesamtes Gewicht auf ihrem Bauch lastet. Seile und Ketten werden um die Fluke des toten Kalbes gelegt und an die Seilwinde eines Fahrzeuges gekoppelt … Vier Tage später stirbt Gudrun … Trainer Jim Horton erzählt er meine, nachdem sie das Kalb aus Gudrun gezogen hatten, hätte Gudrun ihren Mutterleib im Wasser verloren …

Experten vermuten, mittlerweile, dass die Tatsache, dass schwangere Orca-Damen keine Ruhe erhalten, mit ein Grund für viele der Fehl und Totgeburten, sowie „Missbildungen“, oder Problemen bei Kälbern ist. Gudrun wurde aufgrund ihrer perfekt aufgerichteten Rückenflosse gerne für Werbefotos genützt, dazu lag sie oft mehrere Minuten auf den sogenannten Slide Out Areas, das gesamte Gewicht auf ihrem Bauch und somit Ungeborenen lastend … Auch während der Shows sprang Gudrun, schwanger, mehrmals täglich auf diese Slide Out Areas um sich dem Publikum oder Drehungen zu präsentieren … In der Wildnis konnte mittlerweile beobachtet werden das schwangere Orca-Damen, zum Beispiel, nicht an der anstrengenden Jagd auf Robben teilnehmen …

Schon immer dominant und sich mit Katina offenbar die „Herrschaft“ teilend, wurde Taima, Gudruns und Kandukes Tochter, nach dem Ableben ihrer Halbschwester Nyar und ihrer Mutter unberechenbar und unkontrollierbar, sie wird aus den Shows genommen und ist einige Jahre der einzige Gefährte und Freund von Tilikum, mit dem sie die meiste Zeit verbringt.

Schließlich zeugt auch sie mit Tilikum Nachkommen, attackiert ihre zwei Erstgeborenen. Nachdem sie eines ihrer Jungen quer durch den Pool jagt und selbst als sich dieses an Land rettet weiter attackieren will, wird sie von ihrem Nachwuchs getrennt, welche kurz darauf in zwei unterschiedliche Parks verlegt werden. Taima wird von den anderen Orcas, außer Tilikum isoliert.

2007 gebärt sie Malia, zwar scheint sie sich noch immer seltsam, gegenüber ihrem Kalb, zu verhalten, ist aber weniger aggressiv, sie darf mit ihrer Tochter wieder zu den anderen Orcas.

Sobald als möglich soll nun auch Taima wieder Nachwuchs erwarten, während der Geburt ihres vierten Nachwuchses sterben Taima und ihr Kalb, nachdem Taimas Uterus vorgefallen war …

Ein guter Schlusssatz möchte mir soeben nicht in den Sinn kommen, in jedem Fall brauche ich nun eine Pause um diese Geschichten zu verdauen … Immerhin gibt es noch neun weitere

10 Kommentare

  1. Komplexe Thematik. Die Mortalitätsrate bei Jungtieren hängt vor allem mit dem fehlenden Imunsystem bei Meeressäugern zusammen. SeaWorld zu kritisieren, ist sicherlich nicht falsch, so wie es grundsätzlich immer angebracht ist, Missstände zu diskutieren. Nur sollte man nicht vergessen, dass SeaWorld jährlich ein Finanzvolumen für Tier- und Artenschutz zur Verfügung steht, über das keine Organisation verfügt bzw. es sinnvoll verwendet.
    Die jüngsten Entwicklungen, die Zucht bei Orcas in San Diego einzustellen, werden noch für Probleme sorgen, weil es ab einem gewissen Punkt gegen den Tierschutz verstößt, Bullen und Kühe zu separieren. Irgendwann wird nur noch ein letztes Tier übrig bleiben und allein sein. Das wurde nicht zuende gedacht.

    Wie gesagt ein sehr komplexes Thema. Ein Richtig oder Falsch kann man da schwer ausmachen. Das Lösungen gefunden werden müssen, steht allerdings außer Frage.

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    • Puh ja sehr komplex, gegen SeaWorlds Animal Care ist grundsätzlich auch nichts einzuwenden, allerdings – soweit ich weiß, kümmern sie sich hier nur um Tiere – wie die „behinderte“ Morgan – welche sie für ihre Shows oder Parks brauchen können … Für ihre Fischnachzucht gefährdeter Meeresbewohner nehmen sie ja auch Eintritt …

      Mit der Blacksonte Group im HIntergrund müssen sie jedenfalls Proft generieren.

      Aber abwarten, jetzt wollen sie sich ja mehr um notleidende Meerestiere kümmern, man darf gespannt sein.

      Bezüglich der Sterblichkeit – geht oder ging es hier auch eher um die vielen Fehl- und Totgeburten bzw. „behinderte“ Nachkommen … In der Natur liegt die Sterblichkeitsrate der Kälber unter 6 Monaten bei über 40 %, stimmt – das sollte ich besser ausdeutschen/kommunizieren
      Aber einem tonnenschweren Tier, dessen Gewicht komplett am Bauch/Unterleib lastet, außerhalb des Wassers, bei Shows auftretten zu lassen und auch noch zu forciren das es auf seinen Bauch/Unterleib springt ist durchaus fragwürdig, ebenso die Aktion mit der Seilwinde …

      Und auch bei der Seperation, wie in den weiteren Artikeln beschrieben, hält und hielt Seaworld viele Tiere in Isoaltion … teilweise monatelang im kleinen und flachen medizinischen Becken, wegen Aggressionsproblemen unterhalb der Tiere …. Tilikum selbst verbrachte nach dem Tod von Dawn Brancheau bis zu 3 Monaten im medizinischen Becken – danach zwei Jahre in einem kleinen Nebenpool isoliert von den anderen Orcas …

      Aber im Endeffekt hat keiner die richtige Lösung parat und ich frage mich selbst ob eine andere Lösung nicht sinnvoller wäre … denn beim Menschen gilt noch immer aus den Augen aus dem Sinn … es ist fraglich wie sehr sich Mitteleuropäer in zehn Jahren noch für Orcas interessieren ….

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      • Was Animal Care angeht wurden in der Vergangenheit über 25.000 Tiere (nicht nur Wale) gerettet, aufgepäppelt und wieder ausgesetzt. Vor wenigen Wochen erst noch ein kleiner Orca. Viele Vögel und Robben. Morgan freizulassen wäre fahrlässig, weil sie ja aufgrund ihrer Taubheit strandete und die Auswilderungsaktionen einzelner Tiere anhand des Beispiels von Keiko als bedenklich angesehen werden können. Es fehlen einfach vernünftige Alternativen und letztlich – wie du auch sagst – das Interesse der Öffentlichkeit. Es herrschte allgemeiner Jubel, als Keiko damals freigekauft und ausgesetzt wurde. Für viele war das Thema anschließend abgehakt, obwohl die eigentliche Arbeit dann erst begann.

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      • Kann es sein das Du hier Insiderinformationen hast 🙂 ? Ich hab nämlich wirklich viel herumgegoogelt auch auf Englischen Seiten aber keine gescheiten Zahlen oder Statistiken zu Animal Care gefunden – SeaWorld direkt wollt ich da nicht vertrauen – ich wollte auch etwas mehr unabhänginges haben …

        Aber prinzipiell sind wir auf einem Nenner 🙂 – Auch bei Morgan, da bin ich von Anfang an der Meinung gewesen dass nun übertrieben wird … Ja das Keiko eigentlich das Paradebeispiel dafür war das Auswilderung eben nicht immer funktioniert – da er keinen wirklichen Draht zu den Orcas gefunden und immer wieder die Nähe zum Menschen gesucht hat weiß wirklich kaum jemand … Das selbst Umweltschützer dagegen waren, weil Keiko eben nicht dafür geeignet schien war den Free Willy-Rufern auch „egal“ – bzw. sie haben es einfach überhört …

        und inwieweit dann eben Tiere welche auch schon Jahrzehnte an den Menschen gewöhnt sind und vor allem eben auch die Jungtiere – welche von Geburt an betreut wurden in der freien Wildbahn klarkommen ist eben fraglich – darum habe ich in die Richtung auch nichts geschrieben …

        Bzw. jetzt müsste ich nochmal lesen, aber ich glaube ich hab in dem Artikel – Seaworld ändert Konzept – sogar angesprochen das die beste Lösung wohl ein wirklich schönes großes Becken wäre, in welchem sich Tiere eben aus dem Weg gehen können und/oder auch von den Besuchern zurückziehen können … Haben ja auch einige Zoos, ein Freigehege in welchem man das Tier bestaunen kann und ein Freigehege in welches es sich zurückziehen kann, aber dennoch an der frischen Luft ist …

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      • Sitze da tatsächlich etwas näher an der Quelle, wobei man auch hier immer kritisch mit solchen Dingen umgeht. Weil viele Zoos mittlerweile international kooperieren und gerade in Duisburg die Expertise aufgrund regelmäßiger Zusammenarbeit und Forschungsprojekten in der Wildbahn gegeben ist, sind die Zahlen durchaus glaubhaft. Die Gehegeunterteilung in einsehbaren und nichteinsehbaren Teil ist meine ich sogar verpflichtend.

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