Beim Friseur – Disco und Albino Orcas

Einmal im Jahr passiert es, meine Mähne wird mir langweilig, relativ häufig von heute auf morgen und ohne bestimmten Auslöser, mindestens genauso schnell entscheide ich dann ob ich sie schneiden oder Färben lasse und rufe beim Friseur meines Vertrauens an … Gestern war es wieder soweit …

Wie meist hatte ich hier Glück am frühen Nachmittag desselben Tages war ein Termin frei, nur mein Wunsch war, trotz relativ gesunder Haare, nicht so radikal umsetzbar wie es sich mein Kopf vorgestellt hatte, es wären vermutlich zwei bis drei Behandlungen, im Abstand von ein bis zwei Wochen nötig.

Also nahm ich Platz am Färbesessel und amüsierte mich über Haare, welche mich an der Nase kitzelten, während die Friseurin zugange war, dann kommt das Einwirken eine grauenvoll lange Prozedur zumal ich einerseits nicht stillsitzen kann und andererseits meist nicht an den Modemagazinen interessiert bin, welche beim Friseur zu Hauf aufliegen.

Mein Mobiltelefon schafft Abhilfe, vorerst widmete ich mich anderen Blogs und schließlich begebe ich mich auf die Online Seiten diverser Wissensmagazine, wobei einige in letzter Zeit doch ein wenig an Qualität verlieren, ich schiebe es auf das Sommerloch.

Nach einem Exkurs über den Traum autonomes Autofahren, werde ich auf eine Orca-Familie nahe der russischen Küste aufmerksam. 2012 wurde in dieser ein männlicher weißer und somit vermutlich der erste Albino-Orca Iceberg entdeckt, mittlerweile finden sich im Familienverband mehrere weiße Tiere und eine weiße Orca-Dame geleitete ein weißes Kalb …

Nebenbei bekomme ich mit das die Türe zum Salon aufgeht und eine Dame sich erkundigt ob es möglich sei ohne Termin ihren Ansatz nachzufärben. Es ist möglich und sie wird auf den Platz neben mir geleitet.

Ich gestehe etwas unhöflich zu sein, ohne von meinem Mobiltelefon aufzusehen, was aber auch der Folie und meinen gefärbten Haaren geschuldet ist, welche quasi frei über die Stuhllehne hängen und mir somit eine Drehung des Kopfes erschweren, grüße ich kurz und lese interessiert weiter.

Die Dame quasselt wie aufgezogen, erneut freue ich mich an meiner Fähigkeit alles Uninteressante für mich auszublenden und vertiefe mich weiter in den Artikel, immerhin ist zumindest für mich der Umstand mehrerer weißer Tiere in einem Familienverband und einem Gebiet in welchem Wale noch gefangen werden dürfen ziemlich interessant.

Plötzlich lehnt die Dame von nebenan sich fast in mein Gesicht, ich erschrecke ein wenig und kategorisiere sie sofort unter unangenehm und unhöflich, offenbar hatte sie eine wahnsinnig sinnvolle Frage an mich gerichtet, welche ich überhört hatte.

„Was wird denn das?“, fragt die Quasselstrippe.

Genervt denke ich, sieht man doch oder? „Ich lasse Färben.“, antworte ich und stelle mich damit bewusst dumm, ich möchte nicht in eine Unterhaltung über Haarfarben verwickelt werden.

„Aha“, kontert die Quasselstrippe und ich bin froh das ihre Friseurin wieder da ist.

Dadurch das sie sich, meinem Empfinden nach, etwas penetrant in mein Gesicht lehnte, schaffe ich es nicht mehr sie auszublenden und folge somit nebenbei der Unterhaltung zwischen ihr und … ihr, irgendwie kommt die Friseurin nämlich nicht zu Wort.

Ihr wohl wichtigstes Anliegen ist wohl ihr Alter, zumindest bringt sie es ziemlich bald nach dem Erklären warum sie ihre Haare färbt zur Sprache.

„Wie alt schätzt Du mich?“, oha Du, ich bin froh das sie mich nicht geduzt hat, da bin ich altmodisch, dass das Du und Tschüss immer mehr Einzug findet ist etwas befremdlich für mich.

„Ich weiß nicht ….“, nach einer langen Pause „36?“

„Ha, ich bin 46, dass hättest mir nie geglaubt, gell?“

Ein zaghaftes „Nein“ folgt

In meinen Gedanken bin ich jetzt wohl fies, oder eben einfach ehrlich, behalte sie aber dennoch für mich, oder …? Nun gut, also ich hätte ihr Ende vierzig gegeben, aber ihr Gesicht war ja kurzzeitig etwas näher an mir dran.

„Letztens waren Freunde von meinem Sohn da. Da hat mich ein Freund von ihm plötzlich gefragt wie alt ich bin, ich wollte wissen warum, er beharrte auf seiner Frage, also sagte ich 46. Da war er ganz erstaunt und meinte, aber du gibst dich gar nicht wie 46 …“

Mein Gehirn rattert fies vor sich hin, nicht wie 46 aussehen oder sich nicht wie 46 geben sind ja dann doch zwei Paar Schuhe, dass sie sich nicht so gibt oder geben will ist mir selber schon aufgefallen.

„ … die haben dann beschlossen das sie mich mit in die Disco nehmen, da war ich eh schon öfter mit meinen Kindern … Ich habe ja noch eine Tochter … Aber meinem Sohn hat das erstmal gar nicht gepasst.“

Die Friseurin gibt ein „Ja“ von sich.

„Aber Hauptsache er ist dann die ganze Zeit auf meinem Schoss gesessen damit mir ja keiner zuwe greult … (österreichisch für in der Disco ansprechen) … Nachher hat dann ein Bekannter von meinem Sohn gemeint ob ich seine Freundin oder nur eine Freundin wäre, er hätte Interesse, da hat mein Sohn völlig überrascht Das ist meine Mama ausgerufen und der Bursche hat dann auch gesagt Was? Das ist deine Mama? … “

Erleichtert stelle ich fest, dass ich mich nun zum Haare waschen begeben kann, während die Pflege einwirkt, merke ich allerdings, dass ich die Quasselstrippe noch immer hören kann, die philosophiert gerade darüber, dass von einem bestimmten Nahrungsergänzungsmittel alles wie Unkraut wächst und irgendwie betont sie das Wort Alles mehrmals „… davon wächst alles wie Unkraut … Alles … wirklich alles …. Außer dem Busen …“ und bricht bei den letzten Worten in schallendes Gelächter aus.

Den genauen Zusammenhang habe ich leider verloren, aber nachdem sie den männlichen Salonleiter gerade noch für seine Strebsamkeit bewundert hat, kommt sie zu dem Schluß das Männer sowieso nichts auf die Reihe bekommen und lacht wieder lauthals.

Nachdem ihre Färbeprozedur nun beendet ist verspürt sie den Wunsch nach einer Zigarette, persönlich bin ich froh über die Minuten der Stille, zumal mir die Quasselstrippe nach der letzten Äußerung ziemlich auf den Nerv ging. Erst jetzt werde ich Gewahr dass sie offenbar der Lehrling, oder eben Auszubildende, gefärbt hat. Die bekommt jetzt nämlich erstmal einen saftigen Rüffel von meiner Friseurin.

Sie könne Kunden nicht Duzen, wenn die Kundin rauchen wolle müsse sie vor die Türe gehen, der Hof, welchen der Lehrling für diesen Zweck aufgesperrt hatte sei Privat und überhaupt müsse sie darauf achten das Kunden nicht ganz so laut werden, dass könne andere Kunden stören.

Irgendwie hat sie ja recht, andererseits tut mir das Lehrmädchen leid, dass mit dem Hof konnte sie ja scheinbar nicht wissen und irgendwie würde ich jetzt gern sehen wie die ausgelernte Friseurin eine laute Kundin zur Ruhe bringt, aber ich bin fertig und da ich weder schneiden noch föhnen lasse, verlasse ich nach dem Bezahlvorgang den Salon.

Am Weg zum Auto sinniere ich über einen Lehrling der etwas lernt und dem dabei etwas gelehrt wird und der dann ausgelernt ist … mit und ohne stummen H
Erst zu Hause sollen mir die Albino-Orcas wieder einfallen …

7 Kommentare

    • Na ich glaub genau das macht es aus, dass man nicht mehr „unbedingt“ „cool und hip“ sein muss und eben nicht mit den Kindern in die Disco geht 🙂 … Gestern haben manche unterhaltungsfetzen eben gewirkt als würde sich die Quasselstrippe ihren Kindern „aufdrängen“ … Aber ja grundsätzlich sind pauschalisierung immer doof, vor allem daheim verhalte ich mich selbst oft kindisch 🙂

      Gefällt 1 Person

  1. Eine fürchterliche Krankheit dieser Zeit, das Eltern immer cool und hip sein wollen und die besten Freunde ihrer Kinder.
    Sollen sie alle jung bleiben, meinetwegen, aber die Jugend braucht auch ihre Abgrenzung und das klappt nicht, wenn Eltern immer dabei sind (oder Klamotten mit ihren Kindern tauschen…).

    Gefällt 2 Personen

    • Sehe ich genauso – vor allem wenn der Sohn offenbar gar nicht will das die Mutter mitkommt – aus welchen Grund auch immer – dann sollte die Mutter von sich aus sagen „Ne geht ruhig allein und habt Spaß“ und nicht mitkommen … Fand ich irgendwie schräg gestern, meine Eltern haben nur hier und da kurz nach dem Rechten gesehen wenn Freunde da waren, bei ihr klang es irgendwie so als wäre sie die ganze Zeit dabei wenn ihre Kinder Besuch haben …

      Gefällt 2 Personen

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