Das Leid Fremder für die eigenen Likes: oder wie schnell man seine Seele beruhigt

Langsam aber sicher finde ich zu Social Media zurück, meine Abstinenz ist aber lediglich einem Umzug und dem damit verbundenen Aufwand, sowie der einen oder anderen privaten und nebenberuflichen Begebenheit geschuldet, keinem höheren Zweck. Im Endeffekt ist es schlichtweg ein Tag wie immer. Als die Mittagspause anbricht gehe ich hinunter in die Kantine, hole mir mein Essen und scrolle etwas auf Facebook herum, während mein Mahl abkühlt, meist lese ich dann etwas während ich es verzehre. Da sieht er mich an, ein kleiner Junge mit geröteten Stellen im Gesicht und Verbänden an den Armen, offenbar fehlen in die Finger der rechten Hand …

… er sitzt an einem Tisch mit Süßigkeiten vor sich, neben ihm schwebt ein großer roter Luftballon mit blauen Spinnen darauf, im Hintergrund steht eine lebensgroße Figur des Iron Man. Der Text über dem Bild sagt: Sein Schulfreund hat ihm erzählt, wegen seiner Krankheit würde ihm niemand zu seinem Geburtstag gratulieren. Heute ist er elf geworden. Scroll nicht weiter ohne ein Happy Birthday dazulassen.

1,4 Millionen Reaktionen, 2,6 Millionen Kommentare und 154 Tausend mal geteilt erhielt Elvid D. für diesen Post vom 15. Januar.

Der Mauszeiger bewegt sich langsam auf den nach oben zeigenden Daumen zu, welcher soeben noch grau scheint, er zögert und klickt auf das Profil von Elvid D.

Elvid D. hat offenbar mit dem kleinen Jungen nicht viel zu tun, er postet stündlich so viele Artikel von irgendwelchen, auf mich seltsam wirkenden, Webseiten, dass ich sein Profil gleich wieder verlasse …

Wer ist der Junge auf dem Bild? Was hat er mit Elvid D. zu tun? Aber fast wichtiger, wurde dieses Kind wirklich schikaniert?

Ich Google nach Schmetterlingskind, kann hierbei den Jungen auf dem Bild aber nicht finden. Dann Google ich Epidermolysis bullosa, diesen Namen kenne ich nur da ich während der Feiertage auf einem YouTube Video, genauer einer Dokumentation über Jonathan Prite, hängengeblieben war.

Nichts, etwas mehr Misstrauen macht sich in mir breit, wäre der Junge wirklich schikaniert worden, müsste doch irgendwo irgendetwas darüber zu finden sein.

Ich bemühe den Google Übersetzer und erfahre wie man diese Krankheit auf Französisch, Spanisch und Portugiesisch bezeichnet unter Epidermólise Bolhosa finde ich, nach einigen Fehlschlägen, ein anderes Bild des Jungen auf einem portugiesischen Blog, mein Portugiesisch ist praktisch nicht vorhanden, aber ich schnapp eine Namen auf: Lucas.

Es ist wohl klar was ich jetzt in das vertraute Suchfenster eintippe, in der ersten Reihe der Bildersuche taucht es auf, ein Bild des Jungen und daneben eine Art Banner: Amigos Do Lucas Costa. Was ich nun suche ist auch Sonnenklar. Mit brüchigen Spanisch und mit Hilfe des erwähnten Übersetzers kämpfe ich mich durch die Seite, welche über den neunjährigen berichtet … Moment … Neun? Hieß es auf Facebook nicht Elf?

Das Bild von Facebook ist laut Instagram bereits fünf Wochen alt, der Text daneben? Nichts von Schikane am 04.12 feierte Lucas seinen neunten Geburtstag und gewann bei Partyspielen offenbar die Süßigkeiten vor sich am Tisch. Er ist so glücklich da er befürchtet sein Herz könne ihm aus der Brust springen … Aber das Leben sei das größte Geschenk für ihn …

Nun etwas schlauer, werde ich beim durchforsten des Instagram Profiles beinahe etwas traurig, weiß der junge Mann überhaupt wie viele Menschen ihm soeben zu seinem Geburtstag gratulieren? Seinem elften Geburtstag, welchen er, sofern es seine ernste Krankheit zulässt erst in zwei Jahren feiern wird …

Dann werde ich etwas sauer, weiß der junge Mann das sein Bild, meiner Meinung nach, missbraucht wird um Aufmerksamkeit zu erhaschen und Likes, die Währung des Internets, zu generieren?

Wer interessiert sich vielleicht noch für die wahre Geschichte hinter diesem Bild?

Die Kosten für die Behandlung der Krankheit sind sehr hoch, wie ich teilweise erst durch erwähnte Dokumentation auf YouTube erfahren habe, mehrmals täglich müssen spezielle Bäder genommen, der Körper eingecremt und wieder Bandagiert werden.

Der junge Lucas Costa, auf dessen Kosten dann doch sehr ungeniert Likes und Aufmerksamkeit für jemand anderen generiert werden, benötigt gar einen Rollstuhl …

Wenigsten welche Krankheit der Junge hat und wer er ist hätte man erwähnen können, aber dann hätte man sich vermutlich über etwas anderes als sich selbst gekümmert …

Lucas Costa Facebook

Lucas Costa Instagram

 

8 Kommentare

  1. Tja. Und jetzt hast du ich weiß nicht wieviel Zeit damit verbracht herauszufinden, dass es einen Lucas Costa gibt, der oder auch nicht ein Schmetterlingskind ist, der oder auch nicht Geburtstag hat, der oder auch nicht gemobbt wurde. Gut. Und ? Hat dich das unterhalten ? hast du dabei was gelernt ? oder ist das womöglich reine Verschwendung deiner Lebenszeit ?

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    • Lucas Costa ist ja ein Schmetterlingskind … Aber ein Fremder, der eigentlich keinen Bezug zu dem Kind hat benützt die Krankheit für „seine Zwecke“, zumindest kam es mir so vor … Außerdem werden ja x-Facebooknutzer an der Nase rumgeführt …
      Es könnte mir egal sein ja, aber es hat mich etwas geärgert, würde man mein Leiden oder das Leiden eines meiner Liebsten so verhöhnen wäre ich richtig sauer …
      Zeitaufwand waren alles in allem 15 Minuten … und ein fast kaltes Essen 🙂
      Und ja ich habe davon etwas für mich mitgenommen, sonst hätte ich darüber nicht geschrieben

      Gefällt 3 Personen

      • Das fast kalte Essen halte ich unbedingt für einen Verlust 🙂
        Facebook ist nun mal ein Unternehmen, dessen Kapital seine Nutzer sind mit deren Daten es immens verdient. Die Nutzer, die gar nichts von dem gigantischen Gewinn bekommen, dürfen sich aber gegenseitig likes geben oder einander beschimpfen, je nachdem, was ihnen mehr Freude macht

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  2. Das traurige ist, dass die meisten eben NICHT nachgucken, recherchieren, mitfühlen.
    Die sehen das Bild, lesen ggf noch die Überschrift oder die ersten Zeilen, liken oder teilen es, finden die Geschichte (im „besten“ Falle) traurig, oder nutzen sie womöglich noch für die falschen Zwecke.

    Genau diese Oberflächlichkeit hilft weder den Betroffenen (denn bei den meisten dürfte es nach dem liken gleich wieder aus dem Sinn sein), noch in anderen Fällen eine sinnvolle und fundierte Meinung zu bilden.
    In allen Teilen gefährlich und traurig.

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  3. Ich habe diesen Post auch gesehen und ein „Happy Birthday“ in die kommentare geschrieben. Es wäre ja alles nicht so schlimm, wenn es wenigstens wahr gewesen wäre, aber so ist es wirklich doof! Schade das der kleine junge die gutgemeinten Glückwünsche nicht sieht, evtl würde er sich sogar freuen.

    Danke für deinen Beitrag, man sollte eben nicht immer alles glauben.

    Lieber Grüße Susi

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  4. Hast Du wirklich etwas anderes erwartet????
    Natürlich kann man FB und die anderen nutzen oder benutzen. Aber zum einen benötigt das ausreichende eigene Integrität und zum anderen den nötigen Abstand zu den „Aufrufen“! Das ist der Preis den wir alle Zahlen. Leider. Dadurch ist es eher komplizierter geworden. Luke.

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  5. ich hab mir seit langem schon angewöhnt nichts mehr ohneweiteres zu liken oder teilen ..gerade weil in den meisten Fällen lediglich like-geile User stecken.Eine reißerische Schlagzeile ,ein erbarmungswürdiges Bild und schon springen alle drauf an ohne zu hinterfragen… traurig

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  6. Dann hoffe ich nur, dass Du mir nicht auf die Schliche kommst und einfach behauptest, meine Jahreszeiten wären frei erfunden.
    Ich finde Deinen Beitrag echt gut, obwohl er nur das bestätigt, was ich sowieso glaube. Man wird überall nur verarscht… 😉

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