Rauchgas, Flippers platte Fluke, Zivilcourage und neue Jeans

Was am Tag nach der galanschen Geburtstagsfeier, somit Ostermontag, mit üblen Kopfweh begann entwickelte sich im Laufe des Dienstages zu einer üblen Verkühlung, mit noch mehr Kopfschmerz, Muskelschmerzen, Niesen, Husten und ein wenig Temperatur. Wobei letztere Auswüchse, neben dem Wetterumschwung, wohl der abgeschalteten Heizung beim Broterwerb geschuldet war. Am Dienstag verrichtete ich meinen Dienst nämlich etwas unter zwanzig Grad, was bei einer sitzenden Tätigkeit tatsächlich etwas mühsam wird, auch wenn man Kälte schätzt.

So verbrachte ich nun den Mittwoch größtenteils schlafend aber dennoch abwechselnd mit verschwitzt aufwachen und badend zu Hause. Gegen sechs Uhr am frühen Abend, erwachte ich etwas gerädert aus meinem Nachmittagsschlaf und stellte missmutig fest das ich wohl erneut ein Bad benötigte und diverses Bettzeug, sowie meine Schlafkleidung wechseln musste. Mir war ziemlich kalt, also kam mir ein erneutes warmes Bad nur gelegen.  Während das Wasser die Wanne füllte, wagte ich einen Blick auf mein Mobiltelefon, der Galan hatte sich gemeldet, es hätte bei seinem Broterwerb gebrannt, er hätte gelöscht, nun sei er in einem Spital mit Verdacht auf Rauchgasvergiftung … Aber ich solle mir keine Sorgen machen … Hat nicht funktioniert, dass mit dem nicht Sorgen.

Tatsächlich hatte er erhöhte CO2 Werte im Blut und erhielt eine Infusion, zum Hals-Nasen-Ohren Arzt musste er auch noch, erst gegen zehn Uhr am Abend sollte er zu Hause ankommen und musste mir trotz seinem leicht fertigen Eindruck ausführlich berichten.

Wenigstens der Donnerstag ging nun ereignislos über die Bühne und nachdem der Galan bereits gegen vier nach Hause kam schliefen wir einfach gemeinsam auf der Couch bis sieben Uhr. Schlaf darf man wohl tatsächlich nicht unterschätzen, egal ob man krank ist, Stress hat oder eben einfach so. Vor einigen Wochen, gänzlich ohne Krankheit, merkbaren Stress oder Schlafmangel in der restlichen Woche schlief ich übrigens gute 15 Stunden am Stück durch, eine kurze Unterbrechung gab es nur als ich von der Couch ins Bad und weiter ins Bett wankte.

Verzettelt. Freitag kam und tatsächlich wollte ich für die wenigen Stunden, welche es am Freitag abzuleisten gilt, den Broterwerb heimsuchen, es gibt einiges zu erledigen und trotz viel Schlaf geisterte alles was ich so zu tun hatte und nun liegen blieb stetig in meinem Kopf herum.

Der Galan war schon gute zwei Stunden fort als ich nun Flipper, mein treues Gefährt, bestieg und gen Broterwerb fuhr. Flippers Pläne waren wohl andere als meine, bereits nach wenigen Metern stellte ich fest das Flipper, erneut, über eine platte Fluke rollte. Also parkte ich wieder zu Hause ein und stellte fest das die Ersatzfluke ebenfalls lust … nein luftlos war. Somit informierte ich den Galan, dass ich einen Chauffeurdienst zum Reifenhändler benötigte, umstecken von Winter auf Sommerreifen ist nämlich noch nicht ratsam.

Gegen zwölf ist der Galan wieder zu Hause, wir laden Flippers Fluke in Stella, das galansche Fahrzeug und der Galan merkt an das er vielleicht noch gerne nach einer neuen Jeans schauen möchte.

Kurz vor dem Reifenhändler bemerke ich eine zusammengesunkene Person auf der Bank einer Bushaltestelle, eine weitere Person steht an der selben Bushaltestelle, irgendwie demonstrativ weit weg und mit dem Rücken zu der Person. Die zusammengesunkene Person hat die Kapuze ihrer Jacke auf, ihr Oberkörper ruht mit eingezogenen Armen auf den Oberschenkeln … Mann? Frau? Alt? Jung? Kann ich nicht sagen lediglich, dass sie Dünn scheint.

Während wir bei der Ampel auf das Abbiegen warten trifft ein Bus ein, als er abfährt sitzt die Person noch immer unverändert … Es ist windig, bewölkt und nicht unbedingt warm … Wir liefern Flippers Fluke ab, welche, erneut, ein Schrauben in der Lauffläche ziert.

Als wir den Reifenhändler verlassen schaue ich quer über die Straße, erneut hat die Person einen Bus einfach vorbeifahren lassen und sich scheinbar keinen Millimeter bewegt. Der Galan deutet meinen Blick goldrichtig als wir nun Stella besteigen.

„Wills Du rüberschaun?“

„Ja, am Ende ist sie Ohnmächtig oder gar Tod, bleibt ja keiner stehen und mehr als das wir angeschnauzt werden kann ja zu zweit nicht passieren …“

Wir müssen mit etwas Umweg wenden und sind erst nach circa fünf Minuten wieder bei der Bushaltestelle, zwei weitere Menschen stehen nun hier und warten auf einen Bus, irgendwie wieder mit betont viel Abstand und dem Rücken zu der Person. Ich frage ob sie die Person vielleicht angesprochen hätten … Nein …

Ich knie mich neben die Person und spreche sie leise an, nun sehe ich alte Hände, mit Tropfen darauf, offenbar weint die Person … Ich bitte den Galan die Person anzusprechen, auf ihn reagiert sie. Es ist eine ältere Dame, welche offenbar tatsächlich gerade geweint hat, um ihre Augen ist sie nass, sie zittert … Eine junge Dame, welche an der Bushaltestelle stand und uns beobachtete bekommt nun Mitleid und gibt ihr einen warmen Schal, welchen sich die Frau gleich dankbar über ihren Kopf und Schultern wickelt. An ihren Beinen trägt sie eine dunkle Leggings mit großen aufgedruckten Blumen … Ich kann ihre Haut durchseinen sehen. Wärmen wird diese Leggings genau gar nicht. Eine Tasche scheint sie nicht dabei zu haben.

Schnell stehen wir vor einem weiteren Problem, wir können uns nicht richtig mit ihr unterhalten da sie neben wenigen Worten Deutsch nur Bulgarisch spricht. Mittels Zeichen verstehen wir das sie wohl Hunger und Durst hat, ich versuche ihr verständlich zu machen das wir in fünf Minuten wieder da sein werden. Schnell huschen wir gegenüber in einen Supermarkt, besorgen eine große Wasserflasche, Bananen, eine gefüllte Semmel und einen Schokoriegel. Als wir den Supermarkt verlassen kontaktiere ich ein Obdachlosenheim in der Nähe und versuche herauszufinden ob die Dame von dort vielleicht abgängig ist. Diese raten mir die Rettung zu rufen, was ich auch tue.

Die Dame isst und trinkt, hat aber kaum die Kraft die Verpackungen und Verschlüsse zu öffnen, der Galan hilft ihr dabei. Nach dem spärlichen Mahl wirkt sie deutlich wacher. Die Rettung kommt, leider kann sich diese auch nicht mit ihr verständigen. Wir meinen alle zu verstehen, dass sie nach Bukarest möchte oder muss oder von dort kommt. Da die Dame gehen kann und nicht verletzt ist kann die Rettung nicht viel tun.

Etwas hilflos bleiben wir allein mit der älteren Dame zurück, man kann sie doch nicht hier in der Kälte alleine sitzen lassen. Da hat der Galan noch eine zündende Idee und ruft eine Bekannte bei der Caritas an, ein Streetworker der Bulgarisch kann wird in der nächsten viertel Stunde vorbeischauen. Soweit als möglich versuchen wir ihr verständlich zu machen, dass sie hier noch etwas warten soll und jemand kommt der ihr helfen kann, wir müssen nämlich den Reifen schon abholen, zumal der Reifenhändler gleich schließt … Ob sie verstanden hat weiß ich nicht aber sie sinkt wieder ein wenig zusammen, als wir gehen.

Auf dem Weg zurück zum Reifenhändler äußere ich die Vermutung das die ältere Dame zu einer Familie gehört und sich aufgrund von leichter Demenz vielleicht einfach verlaufen hat. Verwahrlost oder verschmutzt sah sie ja nicht aus, ziemlich Hungrig und Durstig hatte sie geschienen. Schnell fahren wir noch Jeans für den Galan einkaufen … als wir eine halbe Stunde später nochmal an der Haltestelle vorbeifahren ist die Dame fort …

„Hoffentlich war der Streetworker jetzt da“, murmle ich. „Ich will gar nicht daran denken wie lange sie schon da gekauert hat … oder das sie heute Nacht kein warmes Bett hat …“
Als wir daheim ankommen kann ich mir ein „Da weiß man wieder zu schätzen was man hat“, nicht verkneifen.

 

Das Beitragsbild verdanken wir Pixabay: PublicDomainPictures

3 Kommentare

  1. Es ist schon traurig, dass so viele vorbei schauen, zumal es ja eine alte Frau war.
    Es ist immer schwierig, alleine die Menschen anzusprechen, aber gerade an einer Haltestelle ist man ja nicht allein und zumindest die Rettung anzurufen sollte jedem möglich sein.

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    • Als sie zusammengesunken war hätte es eben auch durchaus jemand alkoholisierter sein können … Ob ich mich allein getraut hätte weiß ich ehrlich gesagt auch nicht (Alkoholisierte können ja durchaus aggressiv werden) – aber die Straße war ja vielbefahren und es stand eigentlich ständig auch jemand an der Busstation … Ich hoffe noch immer das es ihr jetzt gut geht – werde den Galan bitten seine Bekannte bei der Caritas zu fragen was da rauskam – bzw. ob der Streetworker sie noch angetroffen hat

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